Erziehung / Konditionierung
Erziehung als „Vermittlung des Wissens um die Welt“ beinhaltet zwar auch Konditionierungen, aber geht weit darüber hinaus.
Wer also nur auf Konditionierung setzt, IMMER mit dem Leckerlibeutel unterwegs ist, vermeidet/verhindert Erziehung.
Und während Konditionierung auf Leckerli baut, so baut Erziehung auf Beziehung.
Neben dem wichtigen Punkt der Habituation und Wechsel vom Orientierungsreflex zur Orientierungsreaktion, umfasst Erziehung so wesentliche Punkte wie
- sensorische Integration
- Sozialisierung / soziale Interaktion
- Impulskontrolle
- Frustrationstoleranz
- Jagdverhalten
- Aggressionsmodulation / Maß-Regelung
- …
sensorische Integration …
wird in den gängigen Lehrmeinungen entweder komplett übersehen, oder aber mit Sozialisierung gleichgesetzt.
Doch sensorische Integration bedeutet die Anpassung an die sensorischen Umgebungsbedingungen. Und vor allem das Lernen der Zusammenhänge zwischen z.B. Geräuschen und ihren Ursachen. Geräusche, deren Ursache nicht bekannt ist, können leicht Angst auslösen. Deshalb ist es notwendig, Welpen frühzeitig mit der Umgebung und ihren Reizen vertraut zu machen. Aber das hat nichts zu tun mit Sozialisierung.
Sozialisierung / Soziale Interaktion …
lernt man nur durch soziale Interaktion!
Zum einen gehört hierzu das Lernen, dass nicht alle anderen Lebewesen gefährlich sind, Hund sich nicht davor fürchten muss.
Und zur Erziehung zur SOZIALEN Interaktion gehört auch, dass der Hund nicht alles verbellt, anspringt, anfällt, jagt etc., was ihm in den Weg kommt. Das sind zwar auch Interaktionen, aber eben keine sozialen.
Zur Sozialisierung bedarf es daher auch der
Impulskontrolle
Das spannende ist, dass bei Raubtieren wie Wölfen etc. die Erziehung zur Impulskontrolle ein wesentlicher Faktor ist. Die Welpen müssen lernen, nicht gleich auf die Beute loszustürmen, sondern abzuwarten bzw. sich anzuschleichen.
Und da der Jagderfolg häufig nur bei etwa 30% liegt, lernen Raubtiere
Frustrationstoleranz
automatisch. Den Hund muss man dahingehend erziehen.
Jagdverhalten
ist nicht etwas unabänderliches. Auch Wolfswelpen müssen lernen, nicht alleine einfach der Beute hinterherzujagen, sondern koordiniert im Rudel zu jagen, sich also an den anderen Wölfen zu orientieren.
Und auch Hunde haben natürlich einen angeborenen Jagdtrieb. Die einen mehr, die anderen weniger – aber alle haben einen.
Wichtig ist, den Hund dahingehend zu erziehen, dass er nicht als Solitär-Hund alleine der Beute hinterherjagt, sondern sich am Menschen orientiert. Der Hund wird dann als Sozial-Hund das Wild anzeigen und nicht einfach diesem hinterherjagen.
Aggressionsmodulation / Maß-Regelung
Aggression hat in unserer westlichen Gesellschaft leider einen sehr schlechten Ruf, und es werden „antiautoritäre Erziehung“ und „gewaltfreie Kommunikation“ propagiert.
Aber Aggression ist für viele Dinge wie Verteidigung von sich, dem Revier, Nachwuchs und Partner notwendig. Furcht, Angst und Aggression sind erst einmal protektiv! Aber sie müssen im Maß geregelt werden, und das ist wesentlicher Teil der Erziehung. Und Grundlage für die soziale Interaktion (siehe oben).
Auch hier ist der Blick zur Wirklichkeit der Wölfe/Hunde hilfreich. Die Welpen spielen nicht einfach miteinander, sie raufen. Und das dient nicht nur der Übung von Verhaltensweisen, sondern vor allem auch der Maß-Regelung!
Denn wenn ein Welpe übertreibt, quiekt der andere. Entweder der Verursacher lernt diese Grenze, oder wird vom anderen Welpen in die Schranken gewiesen. Auf diese Weise wird das Verhalten der Welpen im Spiel gemaßregelt.
Schmerzfrei – aber nicht gewaltfrei
Erziehung soll und muss „antiaggressiv“ sein, in dem Sinne, dass die Aggressionen des Hundes im Maß geregelt werden. Schmerzfrei (!!!), aber nicht gewaltfrei! Dieser Unterschied wird leider nicht gemacht.
Und natürlich muss auch hier die Kardinaltugend von „Maß und Mitte“ Anwendung finden.
So viel Gewalt wie nötig, so wenig wie möglich.
Aber wo ist Gewalt überhaupt erforderlich? Zum Beispiel
– beim Angsthund, den ich in der angstauslösenden Situation halten muss, damit er lernen kann, dass die Situation nicht gefährlich ist.
– beim aggressiven Hund (der durchaus auch ein Angsthund sein kann) muss man die Aggression unterbinden. Und zwar nicht durch Ablenken oder Vermeiden, sondern dadurch, dass man dem Hund klar macht, dass er das nicht darf.
Es erstaunt mich immer wieder, wie die Kastration – ohne medizinische Notwendigkeit – sondern zur Verhaltensänderung (was in aller Regel nicht einmal funktioniert) nicht als Gewalt angesehen wird.
Hierzu auch ein Auszug aus dem „Bauchikrauler“ von Krishna:
„Mal ehrlich, wenn euch ein Gott, der die Macht dazu hat, vor die Wahl stellen würde, von ihm deutlich (nicht gewaltfrei mittels Wattebäuschchen) die Grenzen eures Verhaltens und eurer Aggression aufgezeigt zu bekommen (gemaßregelt zu werden) – oder kastriert zu werden … was würdet ihr wählen?
Eines Eurer Lieblingsworte zur Zeit ist „übergriffig“, was auch immer das bei euch heißen mag. Wir Hunde finden es auf jeden Fall übergriffig, wenn ihr uns kastrieren lasst, weil ihr nicht in der Lage seid, uns so zu erziehen, dass ein Rüde nicht rüde wird.„

Schmerzfrei
Wenn auch zur Zeit verpönt, so sind es doch der Schnauzengriff und der Griff ins Nackenfell, die sich hier anbieten.
Ein Hund wird definitiv niemals geschlagen oder ähnliches!
Dass beides schmerzfrei ist, erkennt man zum einen daran, dass die Mütter ihre Welpen am Nackenfell tragen, dass Hunde untereinander den Fang des anderen ins Maul nehmen.
Und vor allem daran, dass man beides auch z.B. beim Spiel oder Kuscheln machen kann.
Nur in der entsprechenden Situation verstehen Hunde, die durchaus zur Differenzierung fähig sind, diese Griffe als Maß-Regelung.